Paläo-Ernährung – ein moralischer Rückschritt der Neuzeit

Paläo-Ernährung – ein moralischer Rückschritt der Neuzeit

Die Paläo-Ernährung hat in ihren Grundzügen einige gute Ansätze. Der Verzicht auf Industrienahrung und die Hinwendung an naturbelassene, unbehandelte Nahrung kann schon ein Meilenstein sein.Wie immer neigt der Mensch aber dazu, alle Konzepte zu übertreiben und so ist die Paläo-Ernährung in der Anwendung teilweise entgleist – hin zu einem völlig unangemessenen Fleischkonsum. Wie konnte es jetzt soweit kommen, da viele doch schon verstanden haben, was „peace food“ bedeutet? Es stellt sich die Frage, inwiefern eine fleischlastige Paläo-Ernährung heutzutage als zukunftsfähig eingestuft werden kann. Eine Ernährung der Neuzeit, die uns weltweit mit Nährstoffen versorgt, muss doch sicherlich anders aussehen. Auf die Spuren dieses „Rückschrittes“ möchten wir uns hier begeben.

Die Natur zu beherrschen, Geheimcodes zu knacken und Urbilder zu manipulieren entspringt unserer immer noch patriarchal-kriegerisch geprägten Gesinnung. Dabei ist diese machtstrukturell aufgebaute Kultur erst ca. 2500 Jahre alt, aber mittlerweile so zerstörerisch, da wir unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Als wir uns in den 80er Jahren notgedrungen dem Umweltschutz zuwandten, waren wir zuversichtlich, dass jede Jurtetasche, die eine Plastiktüte ersetzte, ein Zeichen setzen würde. Wir hatten massives Waldsterben durch sauren Regen und Tschernobyl und es ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung, da es offensichtlich wurde. Wir lernten so viel über den biologischen Fußabdruck in der Schule, dass wir sicher waren, die Menschheit habe Grundlegendes verstanden und wir würde nun gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten. Da gab es auch schon eine Bewegung hin zum Vegetarier/Veganer. Um die Jahrtausendwende kam eine Gegenbewegung in Gang, die demonstrativ zur Schau gestellten Konsumwahn feierte. Diese Tendenz lässt sich nun schon einige Jahre beobachten.

Je mehr der eine Teil der Menschheit versucht, die Fehler der Industrialisierung auszugleichen, desto mehr verfällt der andere in arrogante Klimaverleugnung. Letzterer freut sich auch am Ernährungsmodell „Paläo“, das uns (um unserer Gesundheit willen) das Tierquälen wieder erlaubt. Denn schließlich wird es als DIE Ernährung für die Spezies Mensch verkauft. Ja, unter dem Deckmantel der „Urernährung“ lässt sich sogar die Massentierhaltung, stundenlange Transporte zum Schlachthaus und Massaker bei der Tötung  wieder salonfähig machen. Da hatte man sich ja auch vor einigen Jahren vor Schande abgewandet. Es geht ja schließlich um unser artgerechtes Leben! Und hat man dann einige stylische GU-Heftchen auf den Markt geworfen, die uns mittels Blümchen dekorierter Fleischhäppchen eine heile Welt suggerieren, hat man schnell des Konsumenten Gewissen bzgl. Tierleid reingewaschen. Ja, man fühlt sich mit „Paläo“ schon fast auf dem Weg zurück zur Natur oder in Verbindung mit den Ahnen. Denn schließlich und endlich hat die Menschheit immer Fleisch gegessen und damit ist genug erklärt. Basta.

So einfach ist es aber leider nicht. Die Welt hat sich zwischenzeitlich etwas geändert und wir sind keine Großwildjäger mehr, die unter Lebensgefahr und erschwerten Bedingungen zusammen wochenlang auf Beutesuche durch die Wälder ziehen und auch Perioden des Hungerns überstehen müssen. Die, um die Wahrheit zu sagen, auch damals schon mehr pflanzliche Fasern auf dem Teller hatten, als das wertvolle Fleisch. Wir sind eine kalorientechnisch überversorgte sitzende Bevölkerung, die an Überernährung und Übersäuerung leidet und an denen daraus resultierenden Zivilisationskrankheiten. Ehe ich darauf komme, uns eine weitere Eiweißmast zu verordnen, würde ich erst einmal auf Industriekost verzichten. Aber so ist der Mensch. Lieber einer großen Parole folgen, als einfach auf Unfug verzichten. Wir suchen händeringend nach neuen Formen der alternativen Energiegewinnung, statt Strom zu sparen. Immer geht es um sinnlosen Aktionismus, der wiederum unsere Sonderstellung in der Schöpfung demonstrieren will. Ein Innehalten in Demut wäre sicherlich angebrachter.

Ist es nicht grotesk, wie das in seinen Grundsätzen gut gemeinte Paläo-Konzept missbraucht wird? Der Mensch hat immer (saisonal bedingt) eine entsprechend große Menge pflanzlicher Fasern gegessen und eine vergleichbar bescheidene Ration Fleisch genießen dürfen. Es war kostbar für unsere Vorfahren, denn das Tier als Mitbewohner der Erde war geachtet und gefürchtet zugleich. Vor der Jagd wurden die Tierseelen gebeten, uns Nahrung zu schenken und unser Dank wurde in Höhlenmalereien verewigt. Alles, von der Sehne bis zum Knochen, fand im alltäglichen Gebrauch Verwendung. Niemals wäre ein Tier unnötig getötet worden. Diese Hinwendung zum Leben entspricht unserer Haltung in keinster Weise. Sie ist gewissermaßen gegensätzlich. Was hätten unsere Ahnen dazu gesagt, wenn sie unsere Massentierhaltung sehen würden, wie wir Küken schreddern, Tiere mit Chemie vollpumpen und jahrelang in zu engen Ställen einpferchen? Fühlen Sie sich jetzt noch paläo?

Gerade der Typ des neureichen Managers in seinem Bürosessel, dessen Job es ist, aus Billiglohnländern Wegwerfprodukte zu günstigesten Preisen zu importieren, sehnt sich statistisch gesehen am meisten nach Urzeit-Romantik. Ein wenig Feuerprasseln, geballte Männlichkeit und wilde Freiheit scheint man mit der Paläoernährung mitzuessen. Ist es nicht ironisch sich vorzustellen, wie der heutige übersatte Sesselhocker, der mit dem SUV zum Fitnesscenter donnert, um seine künstlichen Muskeln zu stählen, sich mit einem Dutzend anderer seines Stammes auf Mammutjagd begiebt? Sich tagelang einer Lebensgefahr aussetzt, indem er Tierspuren durch feindliche Urwälder verfolgt und dabei selbst hungert und friert? Würde er jemals etwas fangen? Nichts aber suggieren ihm diese riesigen Fleischberge, die heutzutage im Sommer zum Grillen zur Verfügung stehen, als dass die Großwildjagd seiner Kumpels erfolgreich war. Das hat sich wohl im Gehirn verfestigt. Das Bild von Schweinemastanlagen ist ja noch ein relativ neues. Das gilt es noch im Reptilienhirn zu speichern. Da hilft aber auch grüngewaschene Ökoromantik nichts – übertriebener Fleischkonsum hat nichts mit Paläo zu tun.

Was können wir also essen, um den Bedingungen der Neuzeit mitsamt ihrer Überbevölkerung gerecht zu werden? Sollte unser Konsum nicht danach ausgerichtet sein, alle satt zu machen? Denn allein damit wird sich eine Paläo-Ernährung, wie sie heutzutage übertrieben wird, schon selbst ausschließen. Solch hohe Eiweißmengen zu produzieren, ist unmittelbarer Raubbau an der Natur. Aber es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, wollte ich hier für die eine perfekte Ernährungsweise plädieren, denn das würde ich mir verkneifen. Nahrung muss immer individuell sein und sich nach Verfügbarkeit, Qualität und Ökologie richten. Damit haben wir die Qual der Wahl. Sofern wir aber achtsam, regional, biologisch und saisonal essen, sind wir auf einem guten Weg.

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